Neubeginn: Selbstwert in herausfordernden Zeiten

Es ist ganz natürlich – für uns alle ist es wichtig, unseren eigenen Wert zu spüren, gebraucht zu werden und Teil von etwas Größerem zu sein. Wir bauen unser Selbstwertgefühl auf sozialen, beruflichen und familiären Rollen auf, die uns in der Regel ein Gefühl der Zufriedenheit geben. Arbeit, kreatives Schaffen, andere zu unterstützen, einfach „da zu sein“ – all das stärkt das Gefühl der eigenen Bedeutung. Wenn eine gewohnte Tätigkeit unmöglich wird – beispielsweise durch Krankheit, Behinderung oder Veränderungen im Leben – kann dies verwirren und einen Sturm von Emotionen auslösen: von Ratlosigkeit und dem Gefühl, sich selbst zu verlieren, bis hin zu Wut auf die Umstände („Sie sollten doch lieber ranklotzen …“ – ein Vorwurf, in dem mehr Schmerz als Kritik steckt).

Was passiert, wenn dieses grundlegende menschliche Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Bedeutung unbeantwortet bleibt? Dann hört „soziale Isolation“ auf, bloß ein abstrakter Begriff aus dem Lehrbuch zu sein, und wird zur ernüchternden Realität. Man könnte sich schämen, das Haus zu verlassen, die Bewertung durch andere fürchten oder daran zweifeln, ob man das Recht hat, überhaupt gehört zu werden. Das fühlt sich an, als wäre man auf einer Party, bei der alle in einer fremden Sprache sprechen: Man ist zwar unter Leuten, fühlt sich aber wie auf einem anderen Planeten.

In solchen Momenten ist es wichtig, daran zu denken, dass der Weg zur Wiederherstellung des eigenen Würdegefühls nicht über die Verleugnung des Schmerzes führt, sondern über dessen Annahme. Es reicht aus, sich bewusst zu machen: Der Verlust früherer Rollen ist kein endgültiges Urteil, sondern ein Ausgangspunkt für etwas Neues. Die Selbstverwirklichung kann sich ändern: Manche entdecken ein neues Hobby, manche unterstützen andere (wenn auch in neuen Formen), manche teilen schlicht ihre Erfahrungen. Mitunter ist schon allein die Anwesenheit und das „Dasein“ für einen anderen Menschen von großem Wert. Wie ein Bekannter von mir sagte: „Ich kann zwar keinen Marathon mehr laufen, aber ich komme bestens in der Rolle des Haupt-Fans zurecht!“

Es gibt ein kleines, aber wichtiges Geheimnis: Menschen, die durch eine Lebenskrise gehen, entwickeln oft die besondere Fähigkeit, sich an einfachen Dingen zu freuen und für neue Erfahrungen besonders offen zu sein. Humor hilft außerdem sehr. Wenn ihr euch plötzlich nach dem „Trubel“ im Berufsalltag sehnt, denkt daran: Selbst die eifrigsten Büroangestellten träumen manchmal davon, dass bei einer Zoom-Konferenz statt der Kollegen wenigstens eine Katze anwesend wäre! (Und falls eine Katze bereits da ist – sie hat bestimmt schon längst den Posten der „Chef-Brotaufschneiderin“ inne).

Letztendlich wird das Eingeständnis der eigenen Verletzlichkeit zu einem Schritt hin zu innerem Gleichgewicht, und das Annehmen des „neuen“ Selbst öffnet Türen zu neuen Formen der Verwirklichung. Mit der Zeit wird klar: Das Empfinden von Bedeutsamkeit hängt nicht zwangsläufig nur von einer Arbeitsstelle oder irgendeinem Titel ab. Unterstützung, Ratschläge, Humor oder gar Inspiration für andere zu sein – solche Rollen sind keineswegs weniger wichtig. Euer Wert für die Welt verschwindet nicht mit Veränderungen – er nimmt einfach eine neue Form an.

Und denkt daran: Wenn es je so scheint, als hätte das Leben ein Stück eurer Seele geraubt, mag das eine wunderbare Gelegenheit sein, ein neues Lieblingspuzzleteil für euer inneres Mosaik zu finden.

Neubeginn: Selbstwert in herausfordernden Zeiten